15. Dezember 2025

Buchtipp: Deutschland und der § 218

Von Macht und Entmündigung

80 Prozent der Deutschen finden es falsch, dass Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch geregelt sind. Diese also prinzipiell rechtswidrig sind, so dass Außenstehende mitentscheiden, wann, wie -  und in manchen Fällen sogar ob  - eine Frau ihre Schwangerschaft beendet. Politik und Justiz aber halten in Deutschland immer noch am Kompromiss zum § 218 aus dem Jahr 1995 fest. Warum dies so ist und wie es dazu kam, dass ausgerechnet Deutschland eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas hat, erklärt Dr. Alicia Baier in ihrem Buch „Das Patriachat im Uterus“. Die Gynäkologin und Mitbegründerin von Doctors for choice nimmt die Lesenden mit zu den Hintergründen und Auswirkungen von Politik und Macht, in den medizinischen Alltag und in die Nöte, die betroffene Schwangere auszuhalten haben. 
Mit klarer Haltung und fundierter Kritik, dabei stets sachlich, hat Dr. Baier ein äußerst informatives wissenschaftliches Buch geschrieben. Schon jetzt, kurz nach Erscheinen, haben viele es als neues Standardwerk bezeichnet. Die Autorin und Sachverständige für den Deutschen Bundestag hat in viele Richtungen gründlich recherchiert, analysiert und Fakten zusammengetragen. Damit beleuchtet sie gleichermaßen die Geschichte des Paragrafen 218, seit er 1871 im Kaiserreich eingeführt wurde, die zum Teil desolate Versorgungslage wie auch die Missstände, die sich daraus für schwangere Menschen ergeben. Sie macht klar, dass unsere eigentlich säkulare Gesetzgebung als Grundlage vieler Entscheidungen bis heute die Theorie der katholischen Kirche übernimmt: Nämlich dass die befruchtete Eizelle von Anfang an eine Seele habe (übrigens wurde dies erst 1869 von Papst Pius IX entschieden) - obwohl sie ohne die Frau, in der sie heranwächst, keine Chance aufs Überleben hätte. Und verweist immer wieder auf den bis heute starren Umgang mit dem Narrativ vom „mühsam errungenen Kompromiss“, der aber bedeutet, dass „Vater Staat“ Entscheidungsmacht über den Körper der Schwangeren hat – was nach 30 Jahren längst überholt sein sollte. 
Dabei lesen sich die gut 300 Seiten so, wie ein gut gemachtes Sachbuch sein sollte: spannend, verständlich, klug formuliert, klar aufgebaut und mit vielen interessanten Einblicken. Auch in die vielen Missstände, die viele in unserem freiheitsliebenden und demokratischen Land gar nicht vermuten. 
Nur einmal verlässt Dr. Alicia Baier den sachlichen Diskurs. Im Epilog, in dem sie optimistisch, menschenfreundlich und warmherzig eine Vision schildert, in der alles da ist, das ungewollt schwangeren Menschen und ihrem Umfeld diese Situation etwas leichter macht. 
Für alle, die sich beruflich mit der Debatte um den Paragrafen 218 beschäftigen oder immer schon einmal wissen wollte, warum die Situation so festgefahren scheint - aber auch, wo es Lösungwege gäbe: Unbedingt lesen und weiterempfehlen. 


Dr.med. Alicia Baier: Das Patriachat im Uterus. Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung. 2025, Droemer Verlag ISBN 978-3-426-56609-1. Hardcover, 22 Euro.

 

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